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• Über Rudolf Maresch
0. Globalisierungskritik – wie weiter?

Interview mit der "Berliner Gazette - dem digitalen Mini-Feuilleton" aus Berlin


BG: Inwiefern stellt der G-8-Gipfel in Heiligendamm fĂŒr die globalisierungskritische Bewegung einen Einschnitt dar? Was ist jetzt anders als vorher?

RM: Mit Globalisierungskritik habe ich so meine Schwierigkeiten. Da sind mir zu viele Wunschfantasien im Spiel, von denen ungeklĂ€rt bleibt, ob wir sie uns ĂŒberhaupt wĂŒnschen sollen. Hinzu kommt, dass die Kritik von einem kruden Schwar-Weiß-Denken lebt und mitunter von ideologischer Verbohrtheit untermalt wird. Man denke nur an Naomi Kleins “Schockstrategien”, an Ulrich Becks “Konsumenten-Mantra oder an Al Gores “Unbequeme Wahrheiten”. Nun verhalten sich die Dinge aber weit komplizierter und komplexer, als es diese Leute darstellen oder wie es sich die Negativrhetorik des “Neoliberalismus”, des “Cyber-Kapitalismus” oder “der miliĂ€risch-industrielle Komplex” vorstellt, die Sachverhalte arg versimplifiziert.

Andererseits gereicht die Globalisierung nicht allen Akteuren gleichermaßen zum Nachteil. Damit meine ich nicht all die Finanzakrobaten und Private Equity Fundraiser, die ĂŒber Nacht steinreich, aber genauso schnell, wie die Immobilienkrise in Amerika zeigt, ihr investiertes Kapital wieder los werden können. Sondern vor allem die Bevölkerungen von LĂ€ndern wie Indien, China und anderer SchwellenlĂ€nder, die von der “flachen Welt” und dem globalen Handel enorm profitieren und die alte und neue Welt herausfordern. Der Schwarzmalerei, die da hĂ€ufig betrieben wird, kann ich nicht viel abgewinnen.

Was den “bunten Haufen” in Heiligendamm angeht, kann ich wahrlich keinen Einschnitt erkennen. Es gab Krawall und Klamauk wie immer. Seit den seligen Tagen der 68er Generation, als die Kameras und Mikrofone im Plural auf den MarktplĂ€tzen in Berkeley, Berlin und Frankfurt auftauchten und die “Gesellschaft des Spektakels” ihren GrĂŒndungsakt erfuhr, gehört das zum Begleitchor und Hintergrundrauschen derartiger Ereignisse. Mittlerweile hat es eher den Anschein, als ob dieses Rauschen mit den TruppenstĂ€rken dieser Treffen mitgewachsen wĂ€re.

BG: Welche Fragen sollen im Kontext der Globalisierungskritik kĂŒnftig gestellt und diskutiert werden?

RM: Das Problem, vor dem wir heute stehen, ist doch, dass alle weltwirtschaftlichen ZusammenhĂ€nge, die dieser “Multitude” auf den NĂ€geln brennt: Patentrechte und ErderwĂ€rmung, Aids und Entwicklungshilfe, oder auch: Hedge Fonds und gerechte Löhne, Kinderarbeit und fairer Handel weder mit Trillerpfeifen, Molotow-Cocktails und Sambatrommeln noch durch runde Tisch gelöst werden können.

Nicht nur, weil die Interessen der einzelnen Akteure (LĂ€nder, Regierungen, Kulturen ...) viel zu unterschiedlich sind, weswegen es nach solchen Meetings immer die viel kritisierten AbsichtserklĂ€rungen gibt. Sondern auch, weil gar nicht sichergestellt ist, ob sich die Welt tatsĂ€chlich zum Besseren wenden wĂŒrde, wenn es fairen Handel, keine Kinderarbeit oder fĂŒnfmal so viel Geld fĂŒr Entwicklungshilfe gĂ€be.

Mal abgesehen davon, dass stolze Afrikaner von derartigem Paternalismus sich in ihrer Ehre gedemĂŒtigt fĂŒhlen; und abgesehen davon, dass Kinder wenigstens einer geregelten Arbeit nachgehen, nicht auf der Straße herumlungern und so das Einkommen ihrer Familie erhöhen: Was wĂŒrden all die SchnĂ€ppchenjĂ€ger sagen, wenn das Pfund Kaffee plötzlich 8 oder 10 Euro, die Sweatshirts bei C & A 100 Euro oder der Flachbildschirm 5000 Euro kosten wĂŒrde. Wie haben die Leute aufgeheult, als es kĂŒrzlich hieß, Milchprodukte wĂŒrden wegen der großen Nachfrage aus China um 40 Prozent teurer.

Und was wĂŒrden erst all die Gewerkschafter sagen, wenn Europa seine Grenzen aufmachen und all die GlĂŒcksritter, politisch Verfolgten und Arbeitssuchenden aus Nordafrika und Osteuropa sich hier niederlassen könnten. Dass die EU ihre Außengrenzen mit ZĂ€unen, Stacheldraht und Infrarotmelder sichert, um den ungezĂŒgelten Zuzug von Asylanten und ArmutsflĂŒchtlingen zu unterbinden, ist ebenso im Interesse des Lombarden, Niederbayern oder Katalanen wie die Forderung, dass sie ihre Subventionspolitik fortsetzt, hohe Einfuhrzölle auf Agrarprodukte erhebt und sie dadurch unverkĂ€uflich macht.

Damit will ich nur sagen: All diese Themen sind weit vielschichtiger und komplizierter, als es sich diese bunte Truppe vielleicht vorstellt. Asiatische oder afrikanische Kulturen sehen viele westliche Selbstgewissheiten anders: Kinderarbeit, den Vorrang der Familie vor dem Individuum, das Zeitbudget usw. Und auch die enge Verbundenheit eines, sagen wir mal, bretonischen Landwirts mit dem Reisbauern in Bangladesh hĂ€lt sich daher in Grenzen. Bei Meinungsumfragen mag es zwar eine Bereitschaft fĂŒr eine unmittelbare Verbesserung der LebensverhĂ€ltnisse in Asien, Afrika oder Lateinamerika geben; sie werden auch, sollten sie "Christenmenschen" sein, den Luxus der Reichen auf Kosten der Armen anprangern und fĂŒr einen fairen Welthandel plĂ€dieren; steht aber der eigene Arbeitsplatz zur Disposition, die Pendlerpauschale oder die Erhöhung der PraxisgebĂŒhr, werden sie sich kaum noch dafĂŒr begeistern. Dann ist ihnen das eigene Hemd nĂ€her als der afrikanische Rock.

Sicher kann die Politik mit BeschlĂŒssen wirtschaftliche Rahmenbedingungen verbessern. Sie kann Dynamiken auslösen, Geldströme umsteuern und Produktionszyklen hemmen. Doch wie sich ihre Entscheidungen auf Produktion und Nachfrage auswirken, welche Nebeneffekte sie möglicherweise zeitigen, bleibt stets ungewiss. Die Politik ist, wie jedes andere soziale Systeme auch, dem Spiel von Versuch und Irrtum unterworfen. Die G-8, die OPEC oder eine angetrĂ€umte Weltregierung machen da keine Ausnahme. Wie mĂ€chtig die Nation oder Organisation auch immer ist, letztlich ist auch sie nur Akteur in einem Marktgeschehen, das sich seine Waren, Produzenten, StĂŒtzpunkte und Profite selbst sucht.
BG: Wie kann die Kritik langfristig im Mittelpunkt des Interesses bleiben, oder sollte sie wie bislang punktuell anlÀsslich bestimmter Events aufflammen?

RM: Dass diese Themen auf der Agenda bleiben, dafĂŒr sorgen sowohl Medien als auch Protestierer. FĂŒr beide ist es ja auch ein lohnendes GeschĂ€ft. FĂŒr die einen, um Quote zu machen; fĂŒr die anderen, um herumzureisen und im GesprĂ€ch zu bleiben. Nimmt man all die Gegen-Gipfel, Konferenzen und alternativen Treffs, die auf der ganzen Welt dazu stattfinden, so hat sich mittlerweile auch unter den NGOs eine globale Elite entwickelt, die versorgt und beschĂ€ftigt werden will. So gesehen mĂŒssen sie hoffen und beten, dass G8-Gipfel kĂŒnftig nicht doch auf einsamen Inseln, in der Antarktis oder im Weltraum stattfinden.

Letztlich wissen auch die protestierenden Marschierer: Die Geschichte, verstanden als blutiger Konflikt widerstreitender KrĂ€fte, ist seit dem Fall der Mauer und dem Sturz des Kommunismus zuende. Es gibt keine "großen ErzĂ€hlungen" mehr, die ĂŒberzeugen könnten. Vermutlich auch nicht der politische Islamismus, der versucht, einen neuen Krieg um (kulturelle) Anerkennung anzufachen und den “vakanten” Platz des Sklaven zu besetzen.

Die Macht hat keine konkrete Namen und Adressen mehr. Die flache Welt, die die Globalisierung schreibt, hat keinen geeigneten Ansprechpartner mehr. MĂ€rkte, Rechnernetze und Börsen schöpfen ihre Kraft und Dynamik gerade aus ihrer AnonymitĂ€t, UnverfĂŒgbarkeit und NeutralitĂ€t. Die Erwartung, dass sich diese Entwicklung vom Kabinettstisch aus gestalten oder dirigieren ließe, hat etwas RĂŒhrendes an sich. Die Weltgesellschaft ist die erste, welche im Posthistorie angekommen ist.

Das ist auch der tiefere Grund, warum sich Krawallmacher und ProtestumzĂŒgler neuerdings wieder mit Maske, Schminke und Mimikry drappieren und sich zum Clownesken und Karnevalsken hingezogen fĂŒhlen. Der aufgeklĂ€rte Protestierer handelt nur noch "als ob". Statt zu kĂ€mpfen, will er "Zeichen setzen"; und weil er sich schuldig fĂŒhlt, wenn ein Pflasterstein fliegt, trifft er mit Polizei und Behörden klare Absprachen, wie der Protestzug zu verlaufen hat, damit der Medientross ungestört darĂŒber berichten kann.

Den meisten unter ihnen geht vor allem darum, dass bunte und jugendbewegte Bilder um die Welt gehen, die vom friedlichen Protest kĂŒnden. Man geht gewiss nicht ganz fehl in der Annahme, darin jenen berĂŒhmten "Sonntagsspaziergang" zu erblicken, den Hegel nach Abschluss der Geschichte zur Alltagsform und zum Lebensinhalt aller erkoren hat. Ob der in Form von Klamauk, in Maskerade oder mit Randale stattfindet, bleibt letztlich unerheblich.

BG: Welche Rolle spielen Neue Medien und der Medienaktivismus dabei?

RM: Geht es um politische Agitation, halte ich wenig von Medienaktivismus und den Neuen Medien. All die Blogs, die es dazu gibt, sind mir viel zu subjektiv. Kein Mensch kann ĂŒberprĂŒfen, wieviel “Wahrheit” oder “RealitĂ€t” hinter diesen Wortmeldungen steckt.

Im Übrigen ist das kein neues Problem, das mit Vernetzung und Digitalisierung uns erreicht hĂ€tte. Schon vor etlichen Jahrzehnten entdeckte man die authentische Berichterstattung als Agitprop. Beispielsweise bot man im WDR mit “Vor Ort” streikenden Arbeitern bei Ford oder BĂŒrgerinitiativen vor dem Atomkraftwerk Whyl eine Plattform bot. Die Leute konnten ausreden was ihnen auf der Seele lag, ohne dass ihre Aussagen durch Politiker-Statements relativiert wurden. Auf diese Weise wurden schon damals Agitationsmuster jugendlicher Subkulturen, kĂŒnstlerischer Avantgarden oder politischer Aktivisten subversiv in die öffentlich-rechtlichen KanĂ€le eingeschmuggelt. Große Folgen hat das aber schon damals nicht gezeichnet.

Andererseits misstraue ich der “Weisheit der Massen” generell. Die Masse ist dumm und gefĂ€hrlich. Schnell kann er sich zum Mob entwickeln. Dazu braucht man sich nur ein paar Tage in einschlĂ€gigen Foren oder Blogs aufhalten. Was vor Jahren mal als "basisdemokratische" Einrichtung gefeiert worden ist, als direkter Kontakt zum Leser oder Hörer, hat sich lĂ€ngst in sein Gegenteil verkehrt. Von einer Kultur des Streitens und Debattierens ist nichts ĂŒbrig geblieben. Der Ton ist rĂŒde, der Stil verroht, die Sprache versaut.

Die AnonymitĂ€t, die den BeitrĂ€gern zugesichert wird, verstĂ€rkt diesen negativen Trend. Seitdem macht sich dort ein digitaler Hoologanismus breit, der zunehmend von Wichtigtuern, Halbgebildeten und Besserwissern, von Rechthabern, Selbstdarstellern und digitalen HeckenschĂŒtzen befeuert wird. Dass ausgerechnet dieser Mob und Pöbel es besser weiß oder kann als entwickelte politische Institutionen, wage ich zu bezweifeln.

Gewiss kann man an Hierarchien, Kontrollinstanzen und MeinungsfĂŒhrerschaft viel herumnörgeln, die ideologische Verbohrtheit vieler Kunden und Klienten zeigt aber auch VorzĂŒge der "reprĂ€sentativen Demokratie". Und solange es Konkurrenz und Wettbewerb unter den einzelnen Medien gibt, muss man sich keine Sorgen machen, dass der Öffentlichkeit allzu viel vorenthalten bliebe.

http://www.berlinergazette.de/?cat=8 vom 24.9.2007.


1. Der Nutzer als Flugobjekt

Rudolf Maresch im GesprĂ€ch mit Jan Dreyling-Eschweiler (Hamburg) ĂŒber die Besiedlung des Datenmeeres, die chinesische Monroe-Doktrin und die Maschen der Netz-Metaphern.

Herr Maresch, auf Ihrer Homepage steht ein Adorno-Zitat: „Sich nicht von der Macht der Anderen und auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen.“ Ist das fĂŒr Sie so etwas wie ein Denk-Zettel, den man sich immer vor Augen halten muss, wenn man sich ins Internet begibt?

Rudolf Maresch: Dieser Spruch ist in den letzten Jahren zu einer Art Lebensweisheit fĂŒr mich geworden. Ich stellte fest, dass man im jugendlichen Alter als politischer Romantiker von verschiedenen TheoriestrĂ€ngen fasziniert wurde. Wenn man sich aber nĂ€her auf Struktur und Architektur einer Theorie einlĂ€sst, bemerkt man mit der Zeit, dass diese verschiedenen Theorien doch sehr begrenzt sind und sich sogar gegenseitig durchkreuzen. Außerdem sind Theorien auch immer von Moden, vom Zeitgeist, aber auch, wie Michel Foucault sagt, von Macht geprĂ€gt. Davon sollte man sich nicht zu schnell verfĂŒhren lassen. Diese Art von Skepsis ist mir inzwischen eigentlich sehr genehm.

Wie kann fĂŒr Sie angesichts dieser Skepsis Information aus dem Internet dann ĂŒberhaupt glaubwĂŒrdig erscheinen?

Auf der einen Seite informiere ich mich bei ganz bestimmten Quellen. Dazu gehören die Internetauftritte der „großen“ Zeitungen, F.A.Z., SZ, Frankfurter Rundschau und anderer, aber auch Texte und Schriften von Leuten, die mich intellektuell anregen, die auch mal was Überraschendes, gegen den Mainstream oder abseits moralischer Korrektheiten, probieren und riskieren und so meinen Geschmack ansprechen. Andererseits gibt es daneben diesen riesigen Bestand an ungesicherten Daten, bei dem die GlaubwĂŒrdigkeit mehr oder weniger auf tönernen FĂŒĂŸen steht.

Wie geht man mit diesen Daten um?

Man braucht Erfahrung beim Umgang mit der Informationsbeschaffung. NatĂŒrlich kann man manchmal beobachten, dass SchĂŒler oder Studenten sich zu sehr oder zu rasch auf das Suchergebnis von Google verlassen. Und wenn der Erfahrungsschatz noch nicht vorhanden ist, kann es auch passieren, dass bestimmte Inhalte falsch interpretiert werden. In dieser Hinsicht bedarf es eben einer gewissen Medienkompetenz, und es sind Erzieher und PĂ€dagogen gefordert, diese zu vermitteln.

Fehlt der jetzigen Jugend diese Medienkompetenz?

Das war bei uns frĂŒher auch nicht anders. Auch wir mussten erst mĂŒhsam lernen, mit einem Meer an Daten umzugehen, wobei fĂŒr uns der Zugang und die Möglichkeiten natĂŒrlich noch beschrĂ€nkter als heutzutage waren. Wenn man z.B. in der gymnasialen Zeit Goethe behandelte, hat man auch auf Interpretationsheftchen zurĂŒckgegriffen und Äußerungen bzw. Kommentare gewisser Weise sakrosankt ĂŒbernommen. Erst spĂ€ter an der UniversitĂ€t merkt man, dass ĂŒberall bestimmte Theorien, Ressourcen und Machtpositionen dahinter stehen. Dann relativiert sich das, was man liest, deutet oder sich anzueignen versucht. Letztendlich hat sich beim Thema GlaubwĂŒrdigkeit durch das Netz nicht viel verĂ€ndert. Allerdings sind die Quellen und Adressen vielfĂ€ltiger geworden, auch was Copy & Paste angeht und was fĂŒr Lehrer mittlerweile ein Riesenproblem darstellt.

Auf Ihrer Homepage findet man all Ihre Texte, aber auch Kritiken ĂŒber Sie. Wollen Sie damit Ihre eigene GlaubwĂŒrdigkeit stĂ€rken?

Ich will mit meiner Homepage eigentlich ganz wenig. Ich verstehe sie vielmehr als eine Art Speicher von Texten, den ich öffentlich zugÀnglich mache. Wer Lust hat, sich zu bedienen, der kann sich bedienen. Das ist viel besser, als dass die Texte in irgendeiner Bibliothek verstauben.

Also ganz im Sinne der ursprĂŒnglichen InternetansĂ€tze, die freie Informationen fĂŒr alle forderten 


Ja, natĂŒrlich. Das ist doch das Tolle am Internet. Wenn ich jetzt beispielsweise den neuesten Kommentar von Robert Kagan in der Washington Post oder die neueste Ausgabe der Foreign Affairs lesen will, muss ich nicht mehr in die Bibliothek oder an den Kiosk im Bahnhof rennen, sondern ich kann mir, vorausgesetzt die Information ist frei und kostenlos, ĂŒber das Netz alles hier nach Hause holen. Wenn ich das Internet als Informationsmedium nutze, dann ist das fĂŒr mich vollkommen ausreichend. In dieser Hinsicht muss ich ehrlich sagen: Das Netz ist eine der phantastischsten Erfindungen, die die Menschheit gemacht hat. Es ist natĂŒrlich sehr schade, dass sich allmĂ€hlich ganz bestimmte Strukturen im Netz abbilden.

Welche Strukturen meinen Sie?

Zum einen werden gewisse Wirtschaftsstrukturen ĂŒbernommen. Man kann im Internet natĂŒrlich nicht nur Selbstausbeutung betreiben, denn die Leute mĂŒssen auch irgendwie ihre Firma ĂŒber Wasser halten und Geld verdienen. Zum anderen ist es sehr interessant zu beobachten, dass sich allmĂ€hlich auch Machtstrukturen, ja sogar geopolitische Strukturen in das Netz einschreiben. Das erkennt man beispielsweise an der aktuellen Politik Chinas: China versucht, eine Art „Monroe-Doktrin“ in Form von Firewalls aufzubauen, um damit zu kontrollieren, welche Daten und Informationen an den BĂŒrger gelangen und welche nicht.

Wird also das einst freie Netz immer mehr zu einer Kopie bestehender VerhÀltnisse?

Ja, aber zugleich bewirkt ein neues Medium auch gewisse RĂŒckstrahl- und RĂŒckstoßbewegungen, sodass sich alte Strukturen auch umformen können. Es kommt vielmehr zu einer Hin- und Herbewegung zwischen alten und neuen Strukturen. Deswegen ist auch der „Fall China“ so interessant.

Wo kann man angesichts dieser Dynamik ĂŒberhaupt ansetzen, um das PhĂ€nomen „digitales Netzwerk“ zu verstehen?

Ich wĂŒrde den Weg der Beschreibung ĂŒber verschiedene Metaphern wĂ€hlen. Eine der ersten Bezeichnungen fĂŒr das Internet war die „Datenautobahn“, an die man angeschlossen ist. Auf der Autobahn gibt es einerseits Personen, die auf der Überholspur sind, und andererseits diejenigen, die langsamer vorankommen. Auch Metaphern wie „global village“, „digitale Stadt“ oder auch der Begriff der „Telepolis“ können dieses Netzwerk beschreiben. Dort gibt es viele lebendige MarktplĂ€tze, HĂ€userschluchten, in denen man sich leicht verlaufen kann, und auch Ecken, die durchaus gefĂ€hrlich sein können. Ein weiterer Versuch, das Netz zu beschreiben, kann mit Hilfe des „global brain“, des „Superhirns“ oder der „großen Bibliothek“ geschehen – das Internet als ein riesiger Speicher, in dem nichts verschwindet, oder wenn etwas verschwindet, so hatte es keinen Wert, dies aufzuheben. Oder man nehme den Begriff des „Cyberspace“ – das Internet als kybernetischer Raum, den man besiedeln und damit den öden Planeten verlassen kann. Da kommt ein gewisser extraterrestrischer Aspekt zum Tragen.

Auf was fĂŒr Gefahren kann man denn stoßen, wenn man – um in Ihrer Metapher zu bleiben – sich in einer HĂ€userschlucht verirrt?

Man sollte stets bedenken, dass das Internet nicht gegrĂŒndet worden ist, weil sich findige Leute zusammengesetzt haben und wollten, dass Herr Maresch die Foreign Affairs sofort auf seinem Schreibtisch hat. Sondern es ist von den US-MilitĂ€rs „freigelassen“, also „demokratisiert“ worden, um „Welt zu erobern“, das heißt, andere Kulturen und Nationen mit den eigenen oder westlichen Produkten, Normen und Marken zu infizieren. Wenn es um Kommunikation geht, darf man den altmarxistischen Begriff der Interessen nicht ganz vergessen. Ein Medium ist immer auch „Instrument und Waffe“. Im Netz wird zwar permanent versucht, den User als Flugobjekt einzufangen und zu treffen. Und es gelingt auch meist. Dennoch bleibt immer ein Rest, eine Ungewissheit, ob oder wie er getroffen wird. Dies wird mit der Formulierung „Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation“ von Niklas Luhmann sehr gut deutlich: Sie machen ein Sprechangebot und wollen damit gleichzeitig in gewisser Weise Ihr GegenĂŒber beeinflussen und manipulieren. Ob dies aber gelingt, darĂŒber haben Sie als Sender einer Botschaft letztendlich keine Macht oder Kontrolle. Der Nutzer am anderen Ende kann letztlich immer noch entscheiden, die Information einfach in den Papierkorb zu werfen.

Muss man sozusagen ein multidisziplinĂ€rer Typus sein und sich verschiedener Gebiete wie der Politik, der Wirtschaft, der Soziologie, der Technologie und der Psychologie bedienen, um das Internet richtig zu beschreiben? Muss man von allem ein bisschen wissen, aber dafĂŒr nichts richtig?

Dass es jemanden gibt, der das Internet in einem umfassenden Sinne richtig beschreiben kann, glaube ich nicht. Aber man kann bestimmte Aspekte metaphorisch genauer fassen: Der Gegensatz zwischen „Land und Meer“, den Carl Schmitt beschreibt, spiegelt in besondere Weise eine solche Eigenschaft des Internets wider. Wir, die Menschen, sind Landbewohner, die sich als Abenteurer und Wagemutige in das unsichere und unbekannte Datenmeer begeben. Wobei ich die Metapher des Meeres nicht ĂŒberstrapazieren möchte, da der Cyberspace natĂŒrlich ein qualitativ ganz anderer Raum ist, einer, der aus digitalen Codes und Programmen besteht. Trotzdem wird mit der Zeit dieses Meer besiedelt, aus dem reinen Meer wird ein Meer, welches vermessen und „gekerbt“ wird und dem Verkehrslinien, Knoten und StĂŒtzpunkte in Form von Adressen, Daten und Befehlen verpasst werden. Es bilden sich also wieder die alten Strukturen ab.

Und welche Metapher ist nun die beste?

Das kann keiner entscheiden, da jede Beschreibung ein Teilrecht hat und gewisse Aspekte mehr oder weniger gut mit einschließt. Aber dass es die eine Generalmetapher gibt, die das Internet vollstĂ€ndig darstellen und beschreiben kann, glaube ich nicht. Es gibt also vielmehr diese ganz unterschiedlichen Metaphern, um sich dem Netz von verschiedenen Blickwinkeln aus anzunĂ€hern. Der Weg ĂŒber die Metaphern ist fĂŒr mich ein guter, ohne jedoch zu behaupten, dies wĂ€re die einzige Herangehensweise. Das ist genauso wie mit den Wissenschaften. Ich muss mich nicht unbedingt wie Goethes Faust durch alle Wissensgebiete durcharbeiten, sondern ich kann mich durchaus ĂŒberall ein bisschen bedienen. Derzeit bietet fĂŒr mich Carl Schmitt den interessantesten Zugang, sich den Cyberspace als „neue Raumrevolution“ zu denken, wobei Raumnahme immer auch die Dimension der Zeit mit einschließt. Ich kann mich aber auch mit Luhmann hineinbegeben, mit Friedrich Kittler, mit Michel Foucault oder mit einem anderen Theoretiker. Danach muss man eben bewerten, wie gut dieser Weg die RealitĂ€t des Netzes trifft – wobei „RealitĂ€t“ natĂŒrlich ein schwieriger und problematischer Begriff ist.

Dann ist es also sehr wichtig, dass man offen ist, um nicht nur in eine Richtung zu driften 



 und um auf Adorno zurĂŒckzukommen: „Sich nicht von der Macht der Anderen, aber auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen“. ZusĂ€tzlich gibt es fĂŒr mich ein kleines Motto: Sich ĂŒberraschen lassen! Aber nicht diese euphorische, optimistische Erwartungshaltung einnehmen, sonst man wird stĂ€ndig enttĂ€uscht. Sondern eigentlich eher den umgekehrten Weg einschlagen und immer mit der EnttĂ€uschung rechnen. Umso freudiger wird es, wenn es doch gelingt. Dann hat man mehr davon.

Telefoninterview gefĂŒhrt am 1.12.2005.


2. Das Medium schafft die Botschaft

Ein GesprĂ€ch mit Meike Wanner (Trier) ĂŒber die Rolle von „Web- bzw. Warblogs" und deren VerhĂ€ltnis zum "Journalismus bzw. Krisenjournalismus“


MW: Wann und wie sind Sie zum aktiven Blogger geworden?

RM: Ich wĂŒrde mich nicht als „aktiven“ Blogger bezeichnen. Dazu mache ich das viel zu sporadisch und viel zu wenig konsequent. Und auch nur dann, wenn sich ein Thema unmittelbar anbietet, es mich speziell interessiert und es sich, aus meiner Sicht, dazu eignet.
Dass ich ab und an einen Kommentar ins Netz stelle, hat mit der „Struktur“ der Webseite zu tun. Das Format schafft die Nachfrage. Oder, wenn Sie so wollen, das Medium zwingt mich zur Botschaft. Dadurch ist es wohl zum „Bloggen“ gekommen – auch wenn ich das (in meinem Fall) nicht so nennen wĂŒrde.

MW: Was bedeutet Ihnen persönlich das Bloggen und Ihr Blog?

RM: Ich knĂŒpfe daran keine großartigen Erwartungen, weder WĂŒnsche noch Hoffnungen. Es hat sich, wie gesagt, einfach so ergeben. Manchmal wird es eher zur Last. Durch die Vorlage, die das Medium macht, fĂŒhlt man sich bisweilen gezwungen, mal wieder etwas hineinschreiben zu mĂŒssen, obwohl man es vielleicht gar nicht will. Andererseits bietet es aber sicher auch die Möglichkeit, auf Neuigkeiten oder Besonderheiten aufmerksam machen zu können.

MW: Die Zahl der Weblogs in Deutschland ist in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen und dieser Trend hĂ€lt weiter an. Wer sind „die Blogger“ und was zeichnet diese Menschen aus?

RM: Zum einen sind das gewiss professionelle Schreiberlinge, Journalisten, Autoren usw., die aus der derzeitigen Krise des Journalismus eine Tugend gemacht haben und das als willkommene Gelegenheit nehmen (Ich-AG), sich einen Namen zu machen; zum anderen dĂŒrfte es sich da aber auch um eine Reihe von Wichtigtuer, Selbstdarsteller und andere seltsame Gestalten handeln, um Leute also, die, aus welchen GrĂŒnden auch immer, einen persönlichen Drang verspĂŒren, ihren „Nachbarn“ etwas mitteilen zu mĂŒssen. Ein Online-Tagebuch gibt ihnen die willkommene Möglichkeit, Aufmerksamkeit bei anderen Leuten zu bekommen, die sie sonst nicht haben wĂŒrden. Solche absonderliche Gestalten findet man aber stĂ€ndig im Netz, in Netzforen, Newsgroups, Chatrooms usw. Das Netz scheint diese Figuren magisch anzuziehen.

MW: Nennen Sie bitte Vor- und Nachteile, die das Medium Internet aus Ihrer Sicht mit sich bringt.

RM: Da gĂ€be es natĂŒrlich vieles zu sagen. Ich will mich mal nur auf das beschrĂ€nken, was mich persönlich bewegt:
Da ist zum einen die einfache und „kostenlose“ Informationsgewinnung. Durch das Netz erspart man sich lĂ€stige Wege in Bibliotheken, wie das Ausleihen oder den Kauf von BĂŒchern, Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen, CDs usw. Zwar sind diese Wege in den letzten Jahren von den Verlagen zunehmend erschwert worden. Weil sie meinen, dass ihr Produkt dadurch Schaden nehmen wĂŒrde, haben sie den Zugang dazu erschwert und Zugangskontrollen in Form von MautgebĂŒhren eingefĂŒhrt. Das ist aber ein Problem der Macher und nicht der Nutzer. Denn all das fĂŒhrt nur dazu, dass bestimmte Artikel dann halt nicht rezipiert werden. Jedenfalls bin ich weder bereit, irgendwelche Cent-BetrĂ€ge fĂŒr bestimmte Texte zu löhnen, die sich hinterher dann auch noch als ziemlich inhaltsleer erwiesen, noch will ich irgendwelche E-Papers abonnieren. Einige Verlage scheinen das allmĂ€hlich zu begreifen, dass sich das fĂŒr sie nicht rechnet.
Das andere ist natĂŒrlich der schnellere und direktere Weg zum Leser, Kunden oder Konsumenten. Im Netz wird die Schwerkraft und -fĂ€lligkeit, die viele Redaktionen auszeichnet, einfach außer Kraft gesetzt. Man kann viel rascher Informationen weitergeben und auf diese Weise Aufmerksamkeit finden.
Die Nachteile sind natĂŒrlich der ganze MĂŒll und Dreck, der einem so den ganzen Tag um die Ohren fliegt. Als Privatmensch hat man es vergleichsweise noch gut, weil man tĂ€glich vielleicht nur von 30 Spams oder Spinnern bombardiert wird. Aber fĂŒr eine Firma oder einen Redakteur kann das schon entmutigende ZustĂ€nde annehmen.
MW: Was zeichnet die Blogs im Vergleich zu anderen Medien aus? Was sind die spezifischen StÀrken und auch SchwÀchen?

RM: Die StĂ€rke der Blogs ist zugleich auch ihre SchwĂ€che. Wer bloggt, braucht keinen Zensor oder Lektor mehr zu fĂŒrchten. Er ist sozusagen „vogelfrei“ und kann (fast) alles schreiben, was er will. Der offene Markt entscheidet dann, ob das, was er schreibt, gelesen wird oder nicht.
FĂŒr den Nutzer ist es naturgemĂ€ĂŸ schwer, die Quelle, die er da ansteuert, zu beurteilen. Es kommt also sehr stark auf das Vertrauen an, das der Nutzer in den Blog setzt. Es kommt nicht von ungefĂ€hr, dass sich seit dem Aufstieg des Netzes zum globalen Kommunikationsmedium Verschwörungstheorien grĂ¶ĂŸter Beliebtheit erfreuen.
In Krisenzeiten, siehe Irak-Krieg oder bei Bombenterror in Madrid oder London, werden solche Quellen mittlerweile sehr hoch gehandelt. HĂ€ufig werden sie, weil sie offenbar authentische Berichte ĂŒber die Lage vor Ort geben, als Informationsquelle genutzt und gleich fĂŒr bare MĂŒnze genommen.
Wie weit sie das wirklich sind, ist vom Bildschirm aus außerordentlich schwer zu beurteilen. Es muss sich da gar nicht um bewusste Manipulationen handeln. Man erhĂ€lt halt einen persönlich gefĂ€rbten Eindruck der Lage auf den Schirm, der durch einen anderen Blog, also andere persönliche EindrĂŒcke, sehr schnell wieder konterkariert werden kann. Die Perspektiven haben sich dann einfach vervielfacht, ein typischer Fall von Postmoderne wĂŒrde ich sagen.

MW: Was glauben Sie, wie die Blogger von Journalisten gesehen werden? Wie beurteilen Sie persönlich das VerhÀltnis Blogger - Journalist?

RM: Da bin ich etwas ĂŒberfragt. Vermutlich gibt es da inzwischen aber schon eine Art von RivalitĂ€t und Konkurrenz. Zumindest in AmerĂ­ka, wie man hört. Auf der einen Seite haben wir die Leute, die den Journalismus von der Pike auf gelernt haben, und in den traditionellen Medien kontrollierte KĂ€rrnerarbeit machen; auf der anderen Seite haben wir etliche Hobby-Journalisten, freie Journalisten und Quereinsteiger, die sich diese Art von Muße, aus welchen GrĂŒnden auch immer, gönnen oder sie zum Zweitberuf erkoren haben.
Letztlich wird sich aber auch hier der Mainstream-Journalismus durchsetzen. Zumal da eine Menge Macht und Kapital dahintersteht. Viele Blogger werden das, wenn sie es denn zu etwas mehr Ruhm gebracht haben, aufgeben und sich von den Verlagen aufkaufen lassen. Auch Blogger sind Menschen und wissen Sicherheit, also die monatliche GehaltsĂŒberweisung, zu schĂ€tzen.

MW: Was könnten die GrĂŒnde dafĂŒr sein, dass es bereits Menschen gibt, die es vorziehen, ihre Informationen aus Weblogs zu beziehen und sich von den konventionellen Medien und ihren Vertretern abwenden?

RM: Die hat es auch schon in den 1960er und 1970ern gegeben, als im Zuge der Frequenzenöffnung sich Alternativradios und -sender breit gemacht haben. Plötzlich konnten Sie im Radio kaum noch einen Sender in Ruhe anhören, weil beim Standortwechsel ein anderer Sender dort hineinfunkte. Oder blicken wir nur auf den ganzen Bereich der Fanzine-Magazine, die offenbar immer wieder neue Zielpublika finden. Damit will ich nur sagen: Das hat es immer gegeben, wenn sich ein neues Medium etabliert oder sich ausdifferenziert hat.
Letztlich konsumieren aber auch diese Leute die Mainstream-Medien. Sie hören, wenn Sie so wollen, Maximo Park, The Rakes oder Fler, gegen gleichzeitig aber auch zu Bruce Springsteen, Coldplay oder U2. Warum machen sie das? – Einfach deswegen, weil auch sie QualitĂ€t zu schĂ€tzen wissen und sich, wie McLuhan sagt, am Dorffeuer erwĂ€rmen wollen. Auch diese Leute gucken, wenn sie ideologisch nicht allzu verbohrt sind, gern Fußball, erfreuen sich an der Kraft von Lance Armstrong oder wollen wissen, warum ein Misstrauensvotum gescheitert ist.

MW: Salam Pax, ein junger Iraker, schrieb ĂŒber die Angriffe der Amerikaner auf Bagdad in seinem Weblog. Denken Sie, dass Weblogs sich im Bereich Krisenjournalismus in Form der sogenannten „Warblogs“ durchsetzen werden?

RM: Durchsetzen ist vielleicht zu hoch gegriffen. Weblogs können und werden in solchen Zeiten, wo Kommunikationsnetze kurzzeitig zusammenbrechen, sicher als Quelle von Lageberichten wertvolle und auch nĂŒtzliche Dienste leisten verrichten können. Ersetzen können sie professionelle Medienarbeit sicherlich nicht.
Wer will schon beurteilen, ob es sich da nicht um bewusste TĂ€uschungsprogramme der einen oder anderen Partei handelt? Letztlich weiß man durch Warblogs auch nicht mehr, als wenn man CNN, n-tv oder die BBC guckt oder von „embedded“ Journalisten durch die WĂŒste geleitet wird. Da ist mir viel zu viel NaivitĂ€t, Ideologie und Glaube an die Politik des „guten Wilens“ drin. Eine Information ist nicht schon deswegen „gut“, weil sie von einem Blogger stammt.

MW: Was ist Ihre Prognose fĂŒr die Weblog-Szene in Deutschland? Glauben Sie, dass die Entwicklung Ă€hnlich verlaufen wird wie in den USA, wo gelegentlich bereits von einem Durchbruch zu einem anerkannten Medium gesprochen wird?

RM: Prognosen tragen den Grund ihres Scheiterns immer schon in sich. Deswegen heißen sie ja auch so. Aber vermutlich handelt es sich da um denselben Effekt, den wir bereits in den 1980ern bei diversen Piratensendern erlebt haben, als jeder Aktivist glaubte, er mĂŒsse einen eigenen Sender, eine eigene Radiostation oder einen eigenen Verlag aufmachen. Wie es der Alternativszene schließlich ergangen ist, ist bekannt. Nach vielen Jahren der Selbstausbeutung haben viele Medienbewegte entnervt oder aus Geldmangel wieder aufgeben mĂŒssen. Einige haben sich von grĂ¶ĂŸeren Sendern aufkaufen lassen, andere haben sich bei den Etablierten verdingt oder haben sich einfach ganz anderen Dingen zugewandt.
Sollte es wider Erwarten doch einigen Bloggern gelingen, sich gegenĂŒber der Medienmacht der Etablierten zu behaupten, dann ist die Medien-Familie einfach grĂ¶ĂŸer geworden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Online gefĂŒhrt am 13.7.2005.


3. Neue Gewaltkriegsordnung

Ein GesprĂ€ch mit Krystian Woznicki ĂŒber die geopolitische Lage nach Ende des Irakkrieges


KW: Was ist das mindset des Geopolitikers von heute?


RM: Aktuell wird es wohl von zwei Erfahrungen geprĂ€gt: Von der Weltherrschaft der USA und der Bedrohung, die von einer ungezĂŒgelten Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Schurkenstaaten ausgeht. Mit Ersterem wird ausgedrĂŒckt, dass das amerikanische Imperium aufgrund seiner militĂ€rischen StĂ€rke intervenieren und die Normen und Standards der internationalen Gemeinschaft bestimmen kann, wo immer und wann immer es ihr belieben; das Andere hingegen bedeutet, dass in Gottes eigenem Land Paranoia und Sicherheitswahn grassieren. Die Hypermacht fĂŒrchtet, zum Ziel weiterer TerroranschlĂ€ge zu werden, die apokalyptischere Ausmaße annehmen könnten. Dem möchte man vorbeugen und vorsorglich die ZĂ€hne ziehen. Wenn man will, kann man in dieser Furcht auch die SchwĂ€che, die BrĂŒchigkeit und tiefe Verletzlichkeit der Pax Americana entdecken. Man stelle sich vor, mehrere elfte September wĂŒrden gleichzeitig ĂŒber die Weltmacht hereinbrechen.

Diese beiden RealitĂ€ten: Neues Rom und Implosion der Monroe-Doktrin haben die geopolitische Lage binnen Jahresfrist total verĂ€ndert und die Ordnung von Jalta außer Kraft gesetzt. Davor, also vor 1989 und 9/11, war das Mindset durch das „Gleichgewicht des Schreckens“ (Balances of Power) und der EindĂ€mmungspolitik (Containement) des sowjetischen Imperiums definiert. Ein halbes Jahrhundert lebte der Westen recht gut davon. Zwischen den beiden WeltmĂ€chte herrschte trotz diverser blutiger HĂ€ndel in Afrika, Asien und im Mittleren Osten weitgehend Konsens ĂŒber die Aufteilung der Welt. Die Sowjetunion herrschte etwa ĂŒber ein Drittel, wĂ€hrend die USA den Rest der Welt kontrollierte. FĂŒr Europa erwies sich diese Politik, wie man aus der RĂŒckperspektive jetzt wahrnimmt, als GlĂŒcksfall. Im Schatten dieses von Mittelstreckenraketen bewachten Posthistorie konnte es unter dem Schutzschirm des amerikanischen Sponsors sich politisch einigen und wirtschaftlich prosperieren.

Mit dem Kollaps des kommunistischen Feindes und seiner Befreiungstheologie ging diese Ruhe verloren. FĂŒr kurze Zeit sah es so aus, als ob mit dem Niedergang der Sowjetmacht auch die amerikanische Ära zuende gehen, die politische Macht sich dezentral organisieren und sich beispielsweise nach Tokio und BrĂŒssel verlagern wĂŒrde. Doch nicht nur die Deflation Japans strafte dieser Erwartung LĂŒgen. Auch und vor allem der Krieg auf dem Balkan machte die UnfĂ€higkeit der EuropĂ€er deutlich, Konflikte an ihrer SĂŒdflanke politisch und militĂ€risch in Eigenregie handeln zu könnte. Erneut brauchte es B-52 Bomber und die logistische UnterstĂŒtzung der US-StreitkrĂ€fte, um die ethnischen Leidenschaften unter Verschluss zu bringen und die dortige geopolitische Krisenlage zu entschĂ€rfen und zu beruhigen.

Der elfte September wiederum hat die europĂ€ischen Hoffnungen zunichte gemacht, die auf ein von transnationalen Kooperationen, VertrĂ€gen und verbindlichen Regeln getragenes internationales System gerichtet waren, welche die Macht, den Einfluss und die Neigung des amerikanischen Kolosses, Probleme nach Gutsherrenart zu lösen, zĂŒgelt. Alle SolidaritĂ€tsbekundungen, Gedenkminuten und Speichelleckereien haben nichts genĂŒtzt. Durch den Anschlag ist in Amerika das unipolare Moment gestĂ€rkt worden. Schon deswegen markiert der elfte September eine tiefe ZĂ€sur im weltpolitischen System. Statt sich mit zögerlichen und zaudernden BedenkentrĂ€gern auf langwierige Verhandlungen und Problemlösungen einzulassen, bevorzugt man am Potomac nun die Politik der HemdsĂ€rmeligkeit und der handstreichartigen Lösungen. Seit diesen Tagen definiert nicht mehr die Koalition die Mission, sondern die Mission die Koalition. „Multilateralismus Ă  la carte“, nennt Richard N. Haass, Direktor und Stratege des Brookings Instituts diese Haltung. Diese Politik wechselnder Partnerschaften und Allianzen fĂŒhrt soweit, dass nun auch Russland, das ehemalige „Reich des Bösen“, an den Westen gebunden wird.

Auf der geo- und machtpolitischen Ebene bedeutet das, dass nun wieder die RaummĂ€chte (Hard Power) den Ton angeben. Sie haben sozusagen die ZeitmĂ€chte (Soft Power) abgelöst. Was vor 9/11 die Losung von Idealisten, Realisten und Liberalen war, nĂ€mlich durch Werte und Ideen, Prinzipien und Lebensart Völker, Nationen und Kulturen von der Überlegenheit und Strahlkraft des Westens und seiner Kultur zu ĂŒberzeugen, ist nun wieder zweitrangig geworden.

Interessanterweise geht mit diesem Shifting auch ein Niedergang modischer Diskurse (Postmoderne, Systemkonstruktivismus, Dekonstruktivismus, Cyberkultur) einher. Abgezeichnet hat der sich allerdings schon vorher. Durch 9/11 wird er sozusagen RealitÀt und ins Bewusstsein der Menschen katapultiert.
Gewiss spielen Reputation, Images und Lebensstile immer noch eine große Rolle, wenn es darum geht, die Definitions- und Kulturhoheit in anderen LĂ€ndern und Regionen zu gewinnen. Der Free Flow of Information, der durch Massenmedien und Internet ungeahnte Möglichkeiten bekommt, ist nach wie vor nicht geringzuschĂ€tzen. Vor allem Europa spielt inzwischen auf dieser Klaviatur einen hervorragenden Part, indem es weltweit mit den Pfunden der sozialen Gerechtigkeit und eines universellen moralischen Bewusstseins wuchert und damit eine Alternative und ein „neues Sendungsbewusstsein“ demonstriert. Kommt es aber hart auf hart, erweist sich der Kaiser, wie wir hierzulande jetzt erkennen mĂŒssen, als nackt. Im Zweifelsfall kommt die Macht immer noch aus GwehrlĂ€ufen.
Der Krieg in Afghanistan, und die hitzigen Debatten, die derzeit ĂŒber ein FĂŒr und Wider eines Krieg im Irak gefĂŒhrt werden, vernebeln eher diese geopolitischen VerĂ€nderungen. Unbeirrt, munter und analog der Microsoft-Strategie "embrace and extend" schreiten die USA auf ihrem Weg voran, eine Weltordnung nach ihren Spielregeln zu etablieren. Die in West Point angekĂŒndigte und in der NSS niedergelegte neue Doktrin der „vorbeugenden“ Krisenentsorgung und des „regime change“ in unliebsamen Staaten sind Zeichen diesen neuen Machtwillens, dem es in den nĂ€chsten Jahren und Jahrzehnten klarerweise um eine Neuordnung des GrĂ¶ĂŸeren Mittleren Ostens gehen wird. Öl ist da nur ein interessanter Nebeneffekt.

Die Frage wird sein, ob und inwieweit sich Europa diesen geostrategischen Zielen der USA unterwerfen wird oder sich ihnen entziehen kann oder will. Wird sie sich zu einer eigenen Strategie durchringen und damit zum Gegenspieler der USA werden oder wird es an den Brosamen, die ihnen das Imperium hinterlĂ€sst, lieber partizipieren. Differenzen, Zwistigkeiten und tiefe ZerwĂŒrfnisse ĂŒber diese und andere Fragen deuten eher auf ein Auseinanderdividieren der beiden MĂ€chte und Kulturen. Mancher Geopolitiker menetekelt deswegen bereits vom "Ende des Westens". Die These stammt von Charles A. Kupchan, der das Gespenst eines neuen Byzanz malt, die sich vom neuen Rom gelöst hat.

Eine Bemerkung vielleicht noch zu den global thinkers. Meinem Eindruck nach handelt es dabei um eine Kaste der Inzucht, die sich sozusagen gegenseitig nĂ€hrt und damit selbst erhĂ€lt. Wenn man will, ein besondere Art von Seilschaften oder Spezialwirtschaft, aus denen sich die FĂŒhrungseliten - Berater, Minister, StaatssekretĂ€re – rekrutieren. Und zwar jenseits der politischen Lager. Komischerweise gehen daraus fast nie PrĂ€sidenten hervor. Die werden in aller Regel von den Geldclans gepusht. Was daran einzigartig, vorbildhaft oder noch Demokratie sein soll, ist mir, gelinde gesagt, schleierhaft.


KW: Kupchan ist jetzt Professor fĂŒr Internationale Beziehungen an der Georgetown University. FrĂŒher war er foreign policy advisor von Bill Clinton. Das klingt nach einer klassischen Konstellation. Ich frage mich allerdings, warum nicht auch Akademiker anderer Sparten es zu einer solchen Berater-Position bringen. HĂ€ngt das mit bestimmten Qualifikationen zusammen oder vielleicht eher damit, dass ein Ulrich Beck so einen Posten erst gar nicht annehmen wĂŒrde?

RM: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ulrich Becks diversen Statements, vor allem in der SZ oder in NZZ (fast nie in der FAZ), deuten schon darauf hin, dass er sich gern nach vorne drĂ€ngen und sich in diese Rolle mogeln wĂŒrde. Zumal er zusammen mit Habermas vor der letzten Bundestagswahl eine Website schalten ließ, auf der beide fĂŒr RotgrĂŒn warben. Und zumal er gerade in der NZZ vom 15. MĂ€rz („MilitĂ€rische AufklĂ€rung“) dem „Regime Change“ in unerwĂŒnschten oder widerspenstigen Staaten, den die Bush-Administration sich an die Brust geheftet hat, seinen intellektuellen Segen erteilt hat.

Vielleicht ist Beck bislang nur nicht gefragt worden und wartet seitdem sehnsĂŒchtig auf einen Anruf aus dem Kanzleramt. Vom Starnberger See aus hat man allerdings, auch wenn man zuweilen nach London kommt und in der Duma sprechen darf, nicht immer einen guten Überblick auf das, was sich in der Welt ereignet. Das zu der Frage, ob Hilfe nicht auch aus anderen Sparten kommen könnte. Der FeldherrnhĂŒgel des Kapitols bietet da schon andere Möglichkeiten.
Als vor vier Jahren die rotgrĂŒne Koalition an die Macht drĂ€ngte, machte bekanntlich auch JĂŒrgen Habermas in aktiver Politikberatung. Anscheinend sah er seine Zeit endlich gekommen. Daraus wurde aber nichts. Nach einem kurzen Zusammentreffen mit Schröder, bei dem er dem Niedersachsen die GrundzĂŒge seiner Ideen erklĂ€ren wollte, musste Habermas verdutzt feststellen, dass der von ihm Umworbene trotz gemeinsamen Vokabulars (Konsensus, runde Tische, BĂŒndnis fĂŒr Arbeit ...) ihn nicht verstand. Beleidigt zog er sich darauf wieder an den Starnberger See zurĂŒck.

Schließlich versuchte auch Oskar Negt, ein alter KampfgefĂ€hrte Schröders aus jĂŒngeren Tagen, sein GlĂŒck und das Ohr des neuen HoffnungstrĂ€gers zu erreichen. Zumal beide eine alte Freundschaft verband und Oskar hin und wieder mit Rat und Tat beiseite gestanden hatte. In diversen Zeitungsartikeln und Meetings versuchte Negt auch seinen Einfluss geltend zu machen und seine Glocksee-Ideen in Schröders neue SchlĂ€uche zu gießen. Noch vor der letzten Bundestagswahl gab er zusammen mit anderen 68ern ein 15-Punkte Programm heraus, mit dem er fĂŒr die Fortsetzung des rotgrĂŒnen Projekts warb. Unerfindlich ist mir, was Oskar damit eigentlich meint. Das Projekt war bekanntlich bereits vor seiner Machtergreifung tot. Bis heute sind davon nur gestiegene Staatsschulden, Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen geblieben. Außer man hĂ€lt die EinfĂŒhrung eines Dosenpfands oder die Kennzeichnungspflicht auf Nahrungsmitteln bereits fĂŒr Meilensteine eines ebensolchen.

Aus all diesen GrĂŒnden, aber auch aus dem schlechten Ruf, den Geo- und Machtpolitik hierzulande genießt, kann man leicht entnehmen, warum fĂŒr Intellektuelle da kein Platz ist. Wozu sollten sie auch raten. Dies wĂŒrde schließlich auch fĂ€hige Politiker voraussetzen, solche, die Entscheidungen fĂ€llen und nicht nur Posten, BegĂŒnstigungen und Machterhalt im Auge haben.


KW: Ich finde zum Beispiel folgende Beobachtung spannend, weil sie eine historische Perspektive eröffnet: "History is coming full circle. After breaking away from the British Empire, the United States came together as a unitary federation, emerged as a leading nation, and eventually eclipsed Europe's Great Powers. It is now Europe's turn to ascend and break away from an America that refuses to surrender its privileges of primacy."

RM: Solche geschichtsphilosophische Spekulationen sind natĂŒrlich höchst verlockend und verfĂŒhrerisch. Sie wecken in mir einen stetig schlummernden Hegelianismus, der sich in den Achtzigern unter dem Druck der postmodernen Ideologie doch merklich abgekĂŒhlt hatte. Kupchans Blick scheint mir, so interessant und faszinierend ich ihn auch finde - vor allem den Vergleich Europas mit dem abtrĂŒnnigen Byzanz - doch sehr gewagt. ZunĂ€chst sind die USA in die Fußstapfen des Britischen Empire getreten. Sie haben das Vakuum gefĂŒllt, das es hinterlassen hat. Und diesen Platz an der Sonne werden sie wohl noch einige Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte, innehaben. Unter marxistischen Wirtschaftshistorikern kursiert bereits die Preisfrage, wie lange wohl diese Ära dauern wird, 200 oder 500 Jahre. Damit das auch fĂŒrderhin so bleibt, scheint man sich in Washington quer zu den Lagern auf eine gemeinsame große Strategie verstĂ€ndigt zu haben, die im Wesentlichen auf sieben Punkte aufgebaut ist:

- Verhinderung eines Rivalen, und zwar um jeden Preis
- stÀndige Analyse globaler Bedrohungen
- Vorbeugende Krisenbeseitigung
- EinschrÀnkung der SouverÀnitÀt der Staaten, wenn es der Weltmacht passt
- Missachtung internationaler Vereinbarungen
- Alleiniges Recht der Krisenintervention
- Globale StabilitÀt nicht um jeden Preis

Diese neoimperiale Politik wird von Realisten wie Konservativen geteilt. Differenzen entstehen nur da, wo es um die Verwirklichung dieser Politik geht. Bevorzugen die einen ein Go it alone und eine First-Strike-Politik, warnen die anderen vor den Folgen einer „lonely superpower“. Nach ihrem VerstĂ€ndnis muss die Weltmacht auch geliebt werden. Nur wenn man Kupchans These in eine grĂ¶ĂŸere Zeitrechnung einsenkt und sie mit geschichtlichen Kreisbewegungen konfrontiert, könnte sie einige PlausibilitĂ€t abwerfen. Allerdings wĂŒrde das voraussetzen, dass die EuropĂ€er sich ihrer Interessen vergewissern und sich auf eine gemeinsame Geostrategie verstĂ€ndigen und durchringen. Diese Haltung ist aber nirgends in Sicht. Der Bruch zwischen dem alten und neuen Europa, den Bush und vor allem Blair provoziert haben, spricht BĂ€nde. Er wird Europa um Jahre zurĂŒckwerfen, ganz im Wunsch des Imperiums, dem es dadurch gelungen ist, einen möglichen Rivalen vorerst auszuschalten.

Machtwillen und Cleverness kann man den EuropĂ€ern bislang jedenfalls im Machtpoker nicht unterstellen. Außer man lokalisiert im knechtischen Bewusstsein eine raffinierte Strategie, um Gulliver zu fesseln. Allein deswegen wird die Warnung bzw. Drohung vom neuen Byzanz, so schön und eindringlich sie auch an die Adresse seiner Landsleute formuliert wird, ein frommer Wunsch bleiben.


KW: Wie bekommt die Region zwischen Algerien und Pakistan unter den Vorzeichen einer neuen Weltordnung (Amerika bekommt auf weltpolitischer Ebene mit Europa ein ebenbĂŒrtiges GegenĂŒber) ihre alte Bedeutung zugewiesen?

RM: Das glaube ich ja gerade nicht. Europa ist und wird so schnell kein ebenbĂŒrtiger Partner fĂŒr die USA werden. Die wissen das ganz genau. Das hat man gerade wieder in Prag gesehen. Alle Kröten, die die Amerikaner auf den Tisch gelegt haben, haben die EuropĂ€er ohne Widerspruch oder Widerrede geschluckt. Europa ist nach wie vor militĂ€risch wie politisch ein Zwerg, anders gesagt, ein Papiertiger oder ein Potemkinsches Dorf. Und Politiker, die an dieser Lage etwas Ă€ndern möchten, sehe ich kaum. Was Prodi oder Persson zuweilen von sich geben, sind eher Randerscheinungen. Sie artikulieren eher ein Unbehagen an der eigenen SchwĂ€che und Ohnmacht. Eine Politik des Ressentiments, dessen sich diese befleißigen, ist viel zu wenig.

Robert Kagan hat schon recht. Die europĂ€ischen FĂŒhrer sind in ihrer Masse „postmodern“. Sie sind keine Machtpolitiker, die ihre Interessen klar formulieren und offensiv vertreten, sondern SchaumschlĂ€ger, die an der OberflĂ€che der Prints und Screens surfen, den Machterhalt im Auge haben und Politik nach taktischen ErwĂ€gungen und Meinungsbarometern organisieren. Darum wĂ€re vermutlich Norbert Bolz der geeignetste Strippenzieher fĂŒr Schröder, Fischer und Co, stĂŒnden dem nicht die Gewerkschaften entgegen. Von SchaumschlĂ€gerei versteht der nĂ€mlich was. Das Schröder-Bashing, das derzeit die Runde macht, und die Witze, die ĂŒber unsere politischen FĂŒhrer im Umlauf sind, treffen daher durchaus den Kern des Geschehens.

Bush ist da von einem ganz anderen Kaliber, wenn nicht sogar von einem anderen Stern. Er ist aus ganzen anderen Holz geschnitzt. Er tut, was er sagt. Die Hobos, Spieler und liberalen Wortverdreher haben ausgedient. Über Bush und seine Clique kann man sagen. was man will. Den Klartext, den sie sprechen und pflegen, finde ich jedenfalls erfreulich. Jeder, der es wissen will, weiß, woran er ist. Keiner kann mehr sagen, er hĂ€tte nicht gewusst, was Sache ist.
Die genannte Region, die man nach dem Anschlag von Kuta-Beach wohl bis nach Indonesien ausdehnen muss, haben Asmus und Pollack, zwei ehemalige Berater Bill Clintons gerade zum „geopolitischen Pulverfass“ und zur Krisenregion schlechthin erklĂ€rt. Daraus erkennt man, dass sich mit Bush nur die Semantik verĂ€ndert hat, nicht aber die Politik. Auch Clinton und sein Team haben den Aufbau eines amerikanischen Imperiums zielstrebig verfolgt. FĂŒr die erste HĂ€lfte dieses Jahrhunderts dĂŒrfte diese Region politisch zum „Pivot“ werden. Ich glaube, es war Mackinder, der in den letzten Jahren seines Lebens einen Meinungsschwenk vollzogen hat. Zum Schluss avancierte nicht mehr Eurasien, sondern die arabische Halbinsel zum Kern- bzw. Herzland des Planeten. Und zwar nicht wegen des Öls und anderer BodenschĂ€tze, sondern wegen ihrer geostrategischen BrĂŒckenlage. Schließlich ist sie das Bindeglied zwischen Eurasien und Afrika.

Folgt man Asmus und Pollack, dann hat diese Region die weltgeschichtliche „Chance“, die Nachfolge der Sowjetunion anzutreten. So wie Reagan seinerzeit Russland zum „Reich des Bösen“ erklĂ€rt hat, wird sie nun von Asmus und Pollack zum politischen Ausnahmefall erklĂ€rt und in ihrer GĂ€nze kriminalisiert. Durch eine postkoloniale mission civilisatrice soll sie nach Willen der beiden Strategen und dem Muster von Zerstörung, Wiederaufbau und Umerziehung Europas post WK II von Terroristen, Tyrannen und muslimischen Eiferern befreit und in eine dem Westen genehme Weltgegend transformiert werden. Dies ist common sense in den USA und wird von Realisten, Liberalen wie Konservativen geteilt. Strittig ist offensichtlich nur noch, wer diese Bewegung anfĂŒhren soll. Richard Rorty will das beispielsweise nicht dem Isolationisten Bush ĂŒberlassen. Er schlĂ€gt stattdessen den „charismatischen Internationalisten“ Joschka Fischer vor. Der Grund dafĂŒr ist so Haare strĂ€ubend, dass man ihn gar nicht auszusprechen traut. Rorty glaubt, dass die Bevölkerungen der reichen LĂ€nder es Fischer eher abnehmen wĂŒrden, wenn dieser das Leben Tausender von MĂ€nnern und Frauen fĂŒr diese Mission opfern wĂŒrde, als dem Cowboy-Bush. Wie tief muss der transatlantische Graben letztlich sein, dass er solche Monstren und Ungeheuer gebiert. JĂŒrgen Kaube (FAZ) ist da nur zuzustimmen.

Online gefĂŒhrt zwischen April und Mai 2003


4. Hoffnungsvolle AnsĂ€tze fĂŒr ein kĂŒnftiges Denken?

Ein GesprĂ€ch von Peter Moser (Information Philosophie) ĂŒber Erkundungen im interdisziplinĂ€ren Grenzbereich

("Nomadisierend und vagabundierend zwischen einzelnen Disziplinen und Diskursgrenzen querbeet zum traditionellen Wissenschaftsbetrieb" besucht und interviewt Rudolf Maresch seit Jahren Intellektuelle, die zwar etwas außerhalb der philosophischen Fach-Zunft stehen, die aber in der philosophisch interessierten Sub- und Feuilleton-Kultur großen Einfluß haben.)

PM: Herr Maresch, in einem großangelegten Projekt suchen Sie die Stimmen derer zusammen, die man zusammengefaßt zur Tradition der Vernunftkritik einordnen kann. Was fasziniert Sie an diesen Leuten?

RM: Vernunftkritik ist zunĂ€chst einmal ein schillerndes GeschĂ€ft. Kant gilt als Vernunftkritiker, Bataille, nach ĂŒbereinstimmender Ansicht von Habermas und Bergfleth, auch. Insofern drĂŒckt diese Bezeichnung in dieser Allgemeinheit wenig aus. Daß ich Stimmen dieses Genres versammle, mag so scheinen, stimmt aber nicht. Kittler, Luhmann, Negt, Offe, Gumbrecht, Weibel uvam. wĂŒrden vehement protestieren, wenn sie so ein Etikett angeheftet bekĂ€men.

UrsprĂŒnglich war ja eine ZusammenfĂŒhrung widerstreitender moderner und postmoderner Theorien geplant, um die GrĂ€ben der jeweiligen theoretischen Erfahrungen zu ĂŒberschreiten und darauf errichtete Machtlinien aufzuweichen. Aber aus diesem "Miteinander-ins-GesprĂ€ch-bringen" wurde leider nichts. Habermas winkte zweimal freundlich, aber bestimmt ab. Und Honneth zog sowohl einen angekĂŒndigten Beitrag als auch ein bereits gefĂŒhrtes, zur Durchsicht anliegendes Interview zurĂŒck. Über die GrĂŒnde können Sie trefflich spekulieren.

PM: Es sind von den Klassikern vor allem Nietzsche und Heidegger, auf die in dieser Tradition immer wieder Bezug genommen wird. Warum gerade diese beiden?

RM: Die Moderne ist, nach den Worten von J. Taubes, eine "gegenstrebige FĂŒgung". Das heißt, sie kann keinesfalls, wie Habermas es fatalerweise in seinem "philosophischen Diskurs der Moderne" unternommen hat, als ein lineares Projekt entziffert werden, mit guten und vielen auszufilternden bösen Buben. Die strategischen Absichten, die er damit verfolgt, sind verstĂ€ndlich, auch ehrenwert, aber leicht durchschaubar. Seine interessengeleitete LektĂŒre der Moderne entspricht nicht ihrem tatsĂ€chlichen Geschehen. Nietzsche und Heidegger haben klar und hellsichtig die GefĂ€hrlichkeit, die in solchen Schwarz-weiß-Lesarten stecken, gesehen und sie in ihren modernen Philosophien verarbeitet. Beide haben sich dem, was Philosophie, wenn sie denn unter Glasfaserbedingungen ĂŒberhaupt noch eine Bedeutung haben wird, sein könnte, ausgesetzt: nĂ€mlich gefĂ€hrlich und riskant, die Spitze der ModernitĂ€t antizipierend, ohne Denkschablonen und Tabus gedacht und geschrieben.

Der Bezug auf Nietzsche und Heidegger hat, jenseits aller politischer Vereinnahmungsversuche, noch einen weiteren Grund: Sie sind, da sie ungeschönt, ohne hehre Illusionen und ideologische Scheuklappen beobachtet haben, fĂŒr eine Beschreibung dessen, was gegenwĂ€rtig um und mit uns geschieht, weit aktueller als die kritischen Diskurse Adornos, Habermas? und anderer, deren Hermetik und universalistische Rhetorik, und das muß man heute leider feststellen, das bundesrepublikanische Nachkriegsdenken mehr als dreißig Jahre lang gelĂ€hmt und ideologisch in eine Sackgasse gefĂŒhrt hat. Die Bedeutung Nietzsches fĂŒr die sich ausbreitende "Interfacekultur", und die frĂŒhe Aufmerksamkeit Heideggers fĂŒr die "Hardware-Bedingungen" kĂŒnftigen Denkens mögen als knappe Hinweise genĂŒgen, um die AktualitĂ€t ihres Denkens fĂŒr das nĂ€chste Jahrhundert herauszustreichen.

PM: Sie versuchen mit dem von Ihnen zusammengestellten Band "Zukunft oder Ende" eine Zeitdiagnose. Wie könnte man diese auf den Begriff bringen?

RM: Kurz gesagt: Sie gipfelt in der Beobachtung, und zwar unabhĂ€ngig von der nahenden Jahrtausendwende (das Jahr 2000 ist allenfalls Zufall), sich inmitten einer "Epochenschwelle", vergleichbar der von 1800 oder sogar der durch den Buchdruck verursachten, zu befinden, in der alte, selbstverstĂ€ndlich gewordene Wertvorstellungen, Sinnkonzepte und Glaubensinhalte zerbröseln und Unbekanntes, Neues, jedoch bereits in Grundrissen Denk- und Erfaßbares sich am Horizont ankĂŒndigt. Das exponentielle Anwachsen finaler Diskurse in allen Menschenwissenschaften, die technische Reproduzierbarkeit von Leben und Natur, die Auslagerung des Geistes in anderen Substanzen: alle diese UmstĂ€nde weisen auf diesen Umbruch hin, der, wie die vehemente Wiederkehr essentiellistischer Strömungen und die diese diskursiven Praktiken begleitenden Querelles des Anciens et des Modernes deutlich machen, unter UmstĂ€nden in einem Punkt absoluter Zuspitzung enden könnte. FĂŒr Intellektuelle also eine höchst spannende Zeit, da es viel zu beobachten und denken gibt.

In "Zukunft oder Ende" ging es nicht nur um Zeit-Diagnose. Vielmehr ging es mir, nach dem erfolgreichen Scheitern aller Emanzipationsbewegungen und ihrer Phantasmata, auch um AbklĂ€rung und um die Suche nach neuen strategisch-taktischen Denk- und Handlungsmustern fĂŒr die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Inwieweit dieser Plan in die Tat umgesetzt werden konnte, immerhin platzte zwischen Konzept und Realisierung das Jahr 1989, mag jeder Leser des Buches selber beurteilen.

PM: Jean Baudrillard, Norbert Bolz, Vilém Flusser, Niklas Luhmann - um nur vier Prominente der von Ihnen ausgewÀhlten Autoren zu nennen - was verbindet diese miteinander?

RM: Die Unterschiede zwischen den genannten Autoren - ich wĂŒrde Kittler und Kamper noch hinzufĂŒgen - sind enorm. Vor allem fĂŒr den, der sich mit diesen Theorien nĂ€her beschĂ€ftigt und sie nicht nach Feuilletonistenmanier in die gleiche Schublade stopft. So befleißigt sich Baudrillard einer beschleunigten Theorie des Terrors und Bolz der Ausarbeitung einer medial bewehrten Theorie des Scheins; wĂ€hrend Flusser, in gut messianischer Manier, zu Lebzeiten eine neue Proxemik auf uns zukommen sah und Luhmann an einer modernen Theorie der Gesellschaft bastelt, die sich schneller wandelt als sie vermutlich der Soziologe aufschreiben können wird. Gemeinsam ist ihnen aber, was der akademischen Philosophie seit langer Zeit abgeht. Sie widmen sich der Theoriebildung, die vielen zu schwer scheint; sie diskutieren Fragen und Probleme, die, unsere Wahrnehmungen, Erfahrungen und LebensumstĂ€nde unmittelbar jetzt und kĂŒnftig berĂŒhren und verĂ€ndern werden; und sie verharren auch nicht in angestammten Fachgrenzen, sondern orientieren sich an Sachfragen, die querbeet und fachĂŒbergreifend im Dialog mit disziplinfremden KollegInnen vorangetrieben werden. Diese positive Unruhe, die ihre theoretische Arbeit auszeichnet und ihre Suche nach anderen Optiken und Problemperspektiven antreibt, vermisse ich bei der akademischen Philosophie. Sie interpretiert lieber zum x-ten Male die philosophischen Klassiker, was leider vor allem die Doktoranden trifft. Wer an den UniversitĂ€ten lehrt oder auf philosophischen Kongressen herumreist, weiß, wovon ich spreche.

PM: "Intellektuelle Modeerscheinungen", "gefĂ€hrliche Irrationalismen", "belangloses GeschwĂ€tz" - dies sind Gesten der ZurĂŒckweisung des vernunftkritischen Denkens. Aber gehen diese ganz in die Irre?

RM: Solche Totschlagargumente sind wohl eher dazu geeignet, Andersdenkende zu denunzieren und Diskurse abzuwĂŒrgen, als Begriffe, Diskurse und Blickwinkel aufzuschließen. Es sind - wie Sie richtig sagen - Gesten, die dazu da sind, Denkverbote zu errichten und Machtpositionen abzusichern. Sie sagen mehr ĂŒber diejenigen aus, die sie benĂŒtzen, als ĂŒber die Adressaten. Wir wissen doch, daß es eine reine Vernunft nicht gibt. Sie ist immer schon mit ihrem Anderen amalgamiert, ja bastardiert. Die Geschehnisse auf dem Balkan, in Afrika oder anderswo, das Einwandern von Gewalt, Haß und Terror in die westlichen Metropolen, die angekĂŒndigten Kriege zwischen den KrĂ€ften des Hergebrachten und denen des Fortbringens, Auslöschens und Abservierens, oder: ein ungeschminkter Blick auf dieses zurĂŒckliegende Jahrhundert, das, so blutig wie keines zuvor, angeblich die BlĂŒtezeit von RationalitĂ€t, LiberalitĂ€t und Demokratie werden sollte, demonstrieren anschaulich, daß es nicht weit her ist mit "rationalen Diskursen". Eher produziert, wie die Historie lehrt, die Universalisierung von Werten jenen Terror mit, den sie gerade ausschließen will. Im ĂŒbrigen wĂŒrde ich gerne wissen, was denn ?das? Kriterium fĂŒr eine solche Unterscheidung wĂ€re, und wer denn, wenn es denn ein solches geben sollte, fĂŒr sich in Anspruch nĂ€hme, dieses zu exekutieren. Ehrlich gesagt: Ich kann damit nicht viel anfangen.

PM: Nahe liegt der Verdacht, daß diese Art von Philosophie, obwohl subversiv, rechtslastiges Denken fördert. Wie das Beispiel von Walter Seitter zeigt, scheint der Verdacht gar nicht so falsch zu sein.

RM: Das ist ein inzwischen weit verbreitetes Vor-Urteil, das die Sache nicht trifft. Faschismus und/oder Nationalsozialismus mögen zwar mit "Ă€sthetischen Mitteln" Politik gemacht haben, in ihrer Konsequenz schreiben sie aber, dazu genĂŒgt ein kurzer Blick in die "Dialektik der AufklĂ€rung", jene technologische Moderne fort. Faschismus bedeutet immer: Schaffung ambivalenzfreier, homogener RĂ€ume; Beseitigung von InkommensurabilitĂ€t und Herstellung von Reinheit. Beim Holocaust handelte es sich doch nicht um einen unkontrollierten GefĂŒhlsausbruch, sondern um eine systematische Anwendung globalisierter Sozialtechnologie, sozusagen um einen coolen "terminatorischen Akt", und gerade nicht um Romantik.

Walter Seitter ist dafĂŒr ein gutes Beispiel. Jeglicher "Irrationalismus" ist ihm fremd. Er bezeichnet sich, ganz im Sinne der Definition Freuds, als Analytiker. Im ĂŒbrigen kann es in der Philosophie, ĂŒber die wir hier sprechen, nicht um Gesinnung gehen oder um links/rechts. Hier geht es um die Sache selbst. Und wenn dazu ein Rechter, der Seitter zweifellos ist und dies auch unumwunden zugibt, etwas zu sagen hat, dann interessiert mich das. Denken zu moralisieren oder gar Denkweisen zu kriminialisieren, halte ich fĂŒr schlimm. Diese politisch korrekte Haltung und/oder Form des Urteils wird heute gern von solchen Leuten eingefĂŒhrt, die nicht mehr viel zur Sache beizutragen haben und ihre Felle davonschwimmen sehen.

PM: Auffallend an dieser sich an der französischen Philosophie orientierenden Art zu denken ist ein Trend zu Geschichten, zu Übertreibungen, zu Wortspielen und die Grenze zur Literatur wird oft ĂŒberschritten. DafĂŒr fehlt das, was in der Philosophie so geschĂ€tzt wird: die Argumente.

RM: Glauben Sie wirklich, daß französische Denker nicht argumentieren, oder keine Argumente auf Ihrer Seite haben? Immerhin hĂ€lt die Argumentationstheorie, wenn auch vielfach nur unter dem Druck ihrer amerikanischen Freunde, inzwischen Feminismus, Semiotik, Dekonstruktivismus fĂŒr so weit satisfaktionsfĂ€hig, daß sie versucht, bestimmte Teile davon ins gelobte Land universalistischer GeltungsansprĂŒche heimzuholen. Dieses feste, nicht-kontingente Fundament gibt es doch lĂ€ngst nicht mehr. Man braucht sich nur die neueren Kritiken des Unhintergehbarkeitstheorems anzusehen, um zu bemerken, in welche böse Zirkel und infinite Regresse solche Konzepte sich verfangen.

Schubladenordnungen einzurichten, scheint mir eine typisch deutsche Eigenart zu sein. Ein freierer und spielerischer Umgang mit Philosophie ist den Deutschen anscheinend ein Greuel. Sie mĂŒssen leider immer von einem Extrem ins andere fallen. Entweder sind sie Romantiker oder Normativisten. Tertium non datur. Dabei entzieht sich die vor allem unter der Ägide elektronischer Medien dynamisierte und neukontextualisierte Wirklichkeit statisch-dichotomen Denkweisen, die diese reproduzierte RealitĂ€t gar nicht mehr berĂŒhren. Um aber angesichts des beschleunigten Datentransfers nicht vollkommen den Boden zu verlieren und ĂŒberhaupt noch GegenstĂ€nde/Ereignisse mit der dafĂŒr nötigen Distanz und Gelassenheit wahrnehmen und analysieren zu können, mĂŒssen wir dagegen traditionelle Orientierungsmuster eher verschrĂ€gen, sie womöglich sogar implodieren lassen, und quer zu traditionell-hierarchischen Ordnungsprinzipien wie beispielsweise Natur/Kultur, rational/irrational, Selbst/Anderes, oben/unten neu und anders aufbauen. FĂŒr mich bieten daher transalternative, grenzĂŒberschreitende Forschungsprogramme, namentlich Systemtheorie, Medientheorie und Historische Anthropologie, personalisiert vom Dreieck Luhmann, Kittler, Kamper hoffnungsvollere AnsĂ€tze fĂŒr ein kĂŒnftiges Denken als das GrĂŒndeln in den Untiefen alteuropĂ€ischer Theorien. Auch aus diesem Grund steht mir der Nomade Abel nĂ€her als der Seßhafte Kain, auch wenn, oder gerade weil ersterer von letzterem erschlagen wurde.

Erschienen in: Information Philosophie 5/1995, S. 78-82

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